Mittwoch, 28. September 2016

Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt… 3



So kann es weitergehen! Kaum hatte ich Peter Ripotas Gastbeitrag in meiner neuen Serie „Was Ihnen Ihr Tangolehrer nicht erzählt“ veröffentlicht, erreichte mich der nächste Text aus dem Nebenzimmer:

Schon öfters hatte ich meine Frau um einen Artikel für mein Blog gebeten – nun, zu Beginn ihres „Ruhestands“ (im Hauptberuf!) bekam ich meine Chance. Karin beleuchtet das Tanzen – wie könnte es anders sein – aus der Perspektive einer Musikerin, mit bedenkenswerten Parallelen.

Dafür meinen herzlichen Dank – und nun „Bühne frei“:


Karin Law Robinson-Riedl: Das M.M. und der Tanz

Unerbittlich ticktackt und wackelt Mälzels Metronom die Schläge pro Minute – Albtraum aller Musiklernenden: die Spannung steigt – gleich kommt „DIE Stelle“ im Stück, wo sich die Finger in der 32-stel Kaskade bei DIESEM Tempo garantiert wieder mal ausweglos verheddern werden! Da träumt der Schüler von einem Leben ohne Metronom.

Und die gab es – bevor Johann Nepomuk Mälzel (1772-1838), ein vom Zeitgeist beflügelter Maschinen-Enthusiast – mit diesem Apparat den üblichen Begriffen wie Andante, Menuett usw. eine scheinbar klare Spielanweisung verlieh. Jene Termini reichten aus, so lange sich die Musiker an überlieferten Tempi zu orientieren wussten, z.B. am natürlichen Fluss der jeweiligen Tänze.

Was aber, wenn diese nicht mehr getanzt wurden? Oder wenn die Komponisten zu Lebzeiten ihre Werke nicht mehr vorstellen konnten? Dem ertaubenden Beethoven waren diese Probleme leidvoll bewusst:

„In einem Brief schreibt er 1826 an seinen Verleger Schott: ‚Die Metronomisierung [für die Missa solemnis] folgt nächstens. Warten Sie ja darauf. In unserem Jahrhundert ist dergleichen sicher nötig; auch habe ich Briefe von Berlin, dass die erste Aufführung der [neunten] Symphonie mit enthusiastischem Beifall vor sich gegangen ist, welches ich großenteils der Metronomisierung zuschreibe. Wir können beinahe keine tempi ordinari mehr haben, indem man sich nach den Ideen des freien Genius richten muss.‘“

Und doch wackelt auch dieser scheinbar sichere, Authentizität garantierende Halt in der Musik:

„M.  M.-Angaben, die für den jeweiligen Notenwert die Anzahl der Schläge pro Minute festlegen, werden oft noch nachträglich und nicht unbedingt von des Komponisten Hand in Partituren eingetragen. Beet­hoven selbst metronomisiert mit großem Arbeitsaufwand nur 25 seiner insgesamt über 400 Werke…“

Zudem erlaubt z.B. das Gehtempo eines „Andante“ eine Variation von 76 -108 Schlägen pro Minute auf Mälzels Skala. Die „Spielbarkeit“ von Stücken hat sich im Lauf der Entwicklung der Technik von Instrumenten und Ausübenden erhöht. Wie oft schon erwies sich der Vorwurf der „Unspielbarkeit“ von Kompositionen nach Jahren und Jahrzehnten als unhaltbar!

So ist also der Musiker letztlich auf sich gestellt: Wie will ER die Komposition gestalten?

Natürlich studiert er pflichtbewusst vorhandene Interpretationen, liest die M.M.- Angaben, so verfügbar, kümmert sich um den Hintergrund von Text und Musik, um die technische Sauberkeit der Darbietung.

Aber letztlich muss er ein ganz persönliches Bild des Werkes mit Tönen malen – so wie es der Tänzer mit seinen Füßen auf dem Parkett entstehen lässt.
Tanzen ist Umsetzung der Musik in Bewegung. Das klingt banal, trotzdem wird es oft vergessen.

„Tanz-Figuren“ Lernen – das sind in der Musik „Turnübungen“ auf Saiten, Tasten oder mit Stimmbändern – unerlässliche Voraussetzungen also, aber Musik und Tanz entstehen so noch nicht!

Jedes Musikstück bedeutet eine Herausforderung, von welcher Dimension auch immer. Die Achtung vor Textdichtern und Komponisten verlangt eine respektvolle und überlegte Umsetzung.

„Und doch verbirgt sich hinter den Tempobestimmungen Beethovens ein großes Rätsel, dessen Auflösung die Musikwelt noch immer in Atem hält. Lange Zeit war sie beinahe ausschließlich damit beschäftigt, nachzuweisen, dass sich der größte Komponist aller Zeiten nur geirrt haben kann. Da die teils rasanten und in sich auch unrunden Tempi mit einem weihevollen Beethovenbild so gar nicht zusammen passen wollten, suchte man Erklärungen für das scheinbare Versagen des Genies: Kaputt sei das Metronom, der taube Musiker zudem in einer stürzenden musikalischen Innenwelt gefangen gewesen. (…)

Erst mit dem Schönberg-Kreis begann der systematische Versuch, Beethovens Notation zu vertrauen. Rudolf Kolisch, Primgeiger des einflussreichen Kolisch-Quartetts und Schwager Schönbergs, veröffentlichte im amerikanischen Exil 1943 den Aufsatz Tempo and Character in Beethoven’s Music. Darin erkannte er nicht nur die Schlüssigkeit von Beethovens musikalischem Zeitensystem an, Kolisch lieferte durch den Vergleich von Sätzen ähnlicher Tempokategorien auch wichtige Hinweise für die Spielgeschwindigkeit nicht metronomisierter Werke.“
 
Und was die berühmte „Spiel- oder Tanzbarkeit“ betrifft: Sie ist eine Frage des eigenen Könnens und Mutes, nicht die einer allgemeinen Definition. Tempo und Technik sind historische Größen – so lässt sich diese musikalische Aussage problemlos als Bemerkung zum Tanzen lesen:

„Die Moderne hat keine Probleme mehr mit einem rasenden Beethoven, sie erkennt in ihm einen verwandten Geist. (…) an Tempi, die vor gar nicht langer Zeit noch als unspielbar galten, will keiner mehr rütteln. Beethoven fliegt uns um die Ohren. Endlich.“

(Quelle:
http://www.kultiversum.de/Musik-Partituren/Essay-Metronom-Maelzel-Ticktackticktackticktack.html)


Zur Autorin:

Karin Law Robinson-Riedl spielt seit über 50 Jahren Geige; ab den 1980-er Jahren erfüllte sie sich einen Kindheitstraum: zu singen. Ihr Repertoire umfasst die Kirchenmusik, aber auch das Musiktheater von Oper bis Musical, das Chanson – und den Tango. Neben ihren vielen Verpflichtungen als Leiterin des Pörnbacher Kirchenchors musiziert sie in diversen Ensembles und wird auch oft solistisch engagiert. Näheres findet man hier:  

http://www.robinson-riedl.de/index.php/violine-sopran-start

Kommentare:

  1. In der Tanzschule unserer Wahl (wo wir unsre Milonga abhalten) wird beim Unterricht der anderen auch nach Metronom getanzt. Den Takt gibt die Lehrerin vor, mit Mikrofon und verinnerlichtem Rhythmus. Wenn aber dann der Tanz das Tempo wechselt, sind die Metronom-Anhänger verloren. Vielleicht sollte eine guter Tangolehrer seinen Schülern beibringen, ohne inneres Metronom zu tanzen, das wäre nicht nur angemessen, sondern sogar befreiend.

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    1. Mein Rat an Tanzlehrer ist halt immer wieder der gleiche:

      Mikrofon weglegen und mit den Schülern tanzen – das hält auch selber jung und fit!
      Haptisch kriegt man den Rhythmus viel schneller als durch das via Vorzählen implantierte Metronom.
      Vielleicht sogar Takt, Phrasierung, Tempowechsel und Pausen.

      Aber ein Tanzlehrer, der selber tanzt… in fast 50 Jahren auf dem Parkett waren das für mich sehr seltene Erfahrungen!

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  2. Hallo liebe Karin,

    mit Vergleichen zwischen Tanzen und Musizieren beschäftige ich mich auch. Da würde ich gern auch etwas dazusenfen (nachdem hier endlich unsere DSL wieder funktioniert, der folgende Beitrag ist nämlich schon ein paar Tage alt):

    Sowohl beim Musizieren als auch beim Tanzen gibt es „Führen“ und „Folgen“. In den Tango-Arrangements in unserem Septett gibt es Melodien und Begleitungen, wobei die Rollen wechseln. Alle bemühen sich, die Melodien und Melodiefragmente, also die kleinen Soli und Einwürfe, zu unterstützen. Die Begleitung „folgt“ also. Wobei ich mit dem Klavier in den meisten Stücken beides habe, ab und zu ein kleines Solo, und vor allem Begleitung. Natürlich führen unsere Sängerin (oder die Geige, das Bandoneon, die Klarinette, das Cello, oder mehrere meistens, was Temposchwankungen angeht, aber auch sie folgen, wenn die Melodie längere Töne hat und die Begleitung den Rhythmusvogibt. Das ist das schöne, wenn diese Rollen abwechseln und das funktioniert.

    Auch die verschiedenen Soli sind meistens Dialoge, da die Melodie zwischen den Instrumenten wechseln. Wer die Melodie hat, hat auch Einfluß auf das Tempo, er oder sie „führt“, wer begleitet, „folgt“. Bei Tangomusik hat man es ja auch mit Ritardandos, Beschleunigungen und Fermaten zu tun. Es passt erst, wenn alle aufeinander hören, dann kann man auch als Septett mit Tempoänderungen umgehen. Ich behaupte nicht, dass das immer gleich klappt, oder dass wir das immer super hinkriegen. Aber es ist eine Lust und Freude, wenn es gelingt.

    Unser Ensembleleiter ist übrigens strikt dagegen, dass wir mit Metronom üben, denn so starr soll der Rhythmus auf keinen Fall sein. Wir sollen aufeinander hören und Kontakt untereinander halten. Dies ist wirklich die wichtigste Essenz des Zusammenspiels. Eine Metronomangabe, die er auch oft macht, dient nur dazu, ein ungefähres Tempo vorzugeben. (Ich mag z.B. auch keinen „Techno“, weil der viel zu starr im Tempo ist. Und wie Peter Ripota oben schreibt, tanzen nach Metronom stelle ich mir grauenhaft vor.)

    Beim Tangotanzen wechseln die Rollen zwar weniger, aber es wird nur schön, wenn beide aufeinander achten und der Führende auch auf Impulse der Folgenden und auf die Musik reagiert. Ich liebe Tangos, die im Tempo nicht starr sind, sondern interessante Melodien haben, mit Verzögerungen, Rubatos und Tempoänderungen. Wenn dann ein Paar darauf reagiert, ist das ein Glück, so wie gemeinsames Musizieren. Und dafür sind Impulse von beiden nötig.

    Viele Grüße von Annette

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  3. Liebe Kommentatoren,

    vielen Dank für Eure Anmerkungen zu meinem Beitrag!

    @ Annette
    Wie passend der Vergleich mit dem sogenannten „Führen und Folgen“ im Musikensemble!

    Nehmen wir an, einer muss endlose Schlangen aus Sechzehnteln spielen, der andere hat die luftig-leichte Melodie – Chaos pur, wenn Letzterer vor lauter Begeisterung so richtig schnell loslegt und der arme Begleitende sich in seinen Kaskaden „derrennt“.

    Oder umgekehrt: Einer beharrt auf dem Gleichmaß seiner Läufe und „verbietet“ dem Melodieführer jegliche Abweichung in Tempo und Dynamik, damit bloß nichts durcheinandergerät.
    So kann’s nichts werden!

    Zur Ehrenrettung des Metronoms:
    Es bewahrt vor Selbstbetrug: Schaffe ich eine Passage wirklich souverän in einem bestimmten Tempo oder werde ich an irgendeiner schweren Stelle doch langsamer, als ich eigentlich will, weil ich es noch nicht schneller hinbekomme?

    Manchmal können auch gemeinsame Proben mit Ensembles aus organisatorischen Gründen nicht so häufig stattfinden wie erwünscht. Hier sind Angaben einer „Richtgeschwindigkeit“ für die Stücke im Vorfeld für alle ganz nützlich, sodass sich jeder ungefähr darauf einstellen kann.

    Das endgültige Tempo, die wirkliche Musik wie auch der einmalige, da nicht vollkommen wiederholbare Tanz entsteht natürlich erst im Zusammenspiel!

    @ Peter und Gerhard
    Nach Ansage tanzen – das kennen wir doch aus unserer Ur-Tanzstundenzeit: „Eins – zwei – drei – und links – und rechts – die Dame dreht…“ So klang das - und klingt es noch heute auf den Abschlussbällen der jungen Leute gleich zu Beginn bei der rituellen Polonaise mit anschließendem Walzer: Die jungen Männer im ungewohnten edlen Zwirn mit drückendem Krawattenknoten am Hals, die Mädchen auf gefährlich hohen Stöckeln, bemüht, dass das feine Kleid und die mühsam gestylte Frisur nicht durcheinander geraten. Im Kopf die schwierigen Abfolgen der ersten Schritte auf dem Parkett, auch noch vor Publikum! Das erzeugt steinerne Mienen, einen auf die verinnerlichten Kommandos gerichteten Blick, wo man schmachtende Augen wegen der Eleganz des Partners und der Lieblichkeit der Damen erwarten sollte, ganz zu schweigen von einem Leuchten wegen der Musik…

    O je! Der schwungvollste Marsch, die schmelzendsten Walzerklänge werden zu Taktgebern und Zeremonienmeistern für die Bewegungen, die man möglichst korrekt abliefert!

    Um nicht missverstanden zu werden: Diese alte, leicht verstaubte, gut bürgerliche resp. adelige Tradition ist mir aus unzähligen Ballbesuchen wohl vertraut. Ich habe sie immer sehr gemocht und liebe sie noch immer.

    Welches Glück aber, wenn ich bei Tanz-Ereignissen, ob beim Ball oder beim Tango, Partner hatte (und habe!), welche die gleiche Begeisterung für die Musik und deren Umsetzung in Bewegung hatten wie ich! Bis heute zieht es mich nicht auf’s Parkett, weil ich Anweisungen tanzen möchte, sondern weil mir bestimmte Musikstücke und Rhythmen einfach in die Beine fahren, so dass ich nicht stillsitzen kann.

    Ein Metronom schafft das nicht!

    Herzliche Grüße
    Karin

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