Mittwoch, 21. Februar 2018

Steinwürfe aus dem Glashaus


In einer geschlossenen Facebook-Gruppe (die ich daher auch gar nicht nennen will), ist die Aufregung derzeit groß. Es geht um ein Vortanz-Video der hoch angesehenen Alejandra Martiñan auf dem kürzlich stattgefundenen Moskauer Festival „Planetango“. Das Problem scheint ihr Tanzpartner Anton Starcev zu sein, der sich in ziemlich diabolischer Manier mit einem Wechsel von maximal verzögerten Bewegungen sowie schnellsten Stakkato-Einwürfen über einen klassischen Tango hermacht:




Eine Leserin, die offenbar Augenzeugin der Vorkommnisse war, berichtet von gewaltigem Gegrummel, das wohl in der traditionellen Ecke herrschte:

„…alle rasten in Moskau aus und regen sich über den Tanzpartner auf  (…) und diskutieren, wofür Applaus ist, ‚da hat doch keiner getanzt‘ (…) Hab mir vorhin nur die Bemerkung erlaubt, dass diejenigen lästern, die fast die ganze Milonga nur sitzen...die haben mich fast zerfleischt (...) Wir dürfen dann uns da nie wieder blicken lassen“

Typischerweise bilden sich bei solchen Beispielen stets umgehend zwei Tango-Lager: Die einen können, auch wenn es vielleicht nicht ihr Geschmack ist, einem solch individuellen Tanzstil zumindest Interessantes abgewinnen:

„Kein klassischer Tango, eher Salsa meets Tango! ...lustig, erfrischend anders...authentisch, schön anzuschauen...!“

„Also ich weiß nicht, ob man das so in die Tonne treten muss. Die Martinan/Starcev Story wirkt ungewohnt, ja, aber ich seh es als ein Experiment, mal was anderes. Einige Stellen find ich auch nicht gut bzw.unpassend, einige Stellen aber Klasse. Warum nicht?“

„Eine etwas andere Art, mit der Musik zu spielen, und wohl auch ein Versuch, sich von den anderen Showtänzern abzuheben. Meine Bewunderung gilt Alejandra Mantinan, die sich auf unterschiedlichste Partner grandios einstellt.“

„Es gibt Ikonen in der Tangoszene, wenn man da seine ablehnende Meinung kundtut, wird man verbal gesteinigt.“

Nun, nach meiner Erfahrung ist es eher umgekehrt: Liefern Showpaare (manchmal sogar Blogger…) nicht den gewohnten Einheitsbrei, hagelt es umgehend Verrisse. So auch hier:

„Sorry, mein Geschmack ist es nicht. Ich find‘s nur albern. (…) Alle Herren jenseits der 60 sowie alle Damen sollten sich im Interesse ihrer Lendenwirbelsäulen gut überlegen, Pugliese SO tanzen zu wollen. (…) Auf dieser Grundlage beobachte ich bei Starcev, dass er IRGENDwas tanzt, während zeitgleich ein Tango läuft. Dass ich mit dieser Beobachtung auch eine Wertung verbinde, naja, das bitte ich mir nachzusehen. (...)
Merke: Wenn Du ein besserer Tangotänzer werden willst, musst Du erstmal ein Tangotänzer werden.

„Zappelei!“

„Affektiertes Getue bäääh“

Ein anderer üblicher Reflex ist die sofortige Exhumierung verblichener Milongueros, die das natürlich weit besser getanzt haben:

„Hier sieht man den himmelweiten Unterschied zwischen der 100%igen Musikalität des Altmeisters und dem zeitgleich mit einem Tango stattfindenden Rumgeturne von Starcev.“


Einen eigenen Kommentar kann ich mir weitgehend sparen – den hat mir ein anderer Schreiber schon vorweggenommen:

„Es ist immer das Gleiche, und die Diskussion wird zunehmend überflüssig: Es gibt Leute, die für alle möglichen Farben und Nuancen, die Musik und Tanz haben können, aufgeschlossen sind, die auch sich ihre Neugier und Experimentierfreude bewahrt haben und denen so etwas dann auch erstmal gefällt.
Und es gibt immer mehr (wie ich befürchte) in der Tangoszene, die Sicherheit in der Wiederholung des ewig Gleichen suchen und sich mit oft aggressiver Beharrlichkeit in ihren Codices festklammern. Diskussion hilft da nicht weiter. Aber manchmal hilft eine positive Erfahrung mit etwas Neuem dabei, den Blick zu weiten. Setzen wir darauf, dass Letztgenannten dies früher oder später gelingen möge – es sei ihnen von ganzem Herzen gegönnt!
Und mir kommt es vor, als stecke im Tanz von Mantinan-Starcev auch eine ganz erfrischende Portion Ironie. Und klar: Wer glaubt, das Hobby Tango mit Ernst betreiben zu müssen, kann nur schwer locker lassen, und dann tut Ironie halt weh, weil Distanz, die doch heilsam sein könnte, nicht zugelassen werden kann. Das ist dann schade...“

Niemand soll ja gezwungen werden, seinen persönlichen Geschmack zu unterdrücken. Es wäre nur für den gegenseitigen Respekt förderlich, nicht gleich zu behaupten, ein erfahrener Tänzer würde irgendwas tanzen, während zeitgleich ein Tango läuft. Man darf davon ausgehen, dass die meisten Künstler, welche vor großem Publikum auftreten, lange geübt und sich etwas vorgenommen haben, das zumindest aus ihrer Sicht passend, vielleicht aber originell, sogar provokativ ist. Man muss ja nicht applaudieren (wie es das Moskauer Publikum übrigens reichlich tat). Aber wenn sich dann Provinz-Hobbytangueros zum „Tango-Reich-Ranicki“ aufschwingen, ist das jedenfalls für den Künstler nicht peinlich.

Aber auf eine Anregung gibt es nie eine Reaktion – das weiß ich aus eigener Erfahrung:

Um die unterschiedlichen Meinungen zu verdeutlichen, sollten doch alle mal ihre persönliche tänzerische Interpretation dieses Stückes als Video einstellen.“

Auch hier antwortet die oben zitierte Augenzeugin des skandalösen Ereignisses:

„Hab ich auch vorgeschlagen, da flog schon der erste Stein in meine Richtung.“

Bliebe noch hinzuzufügen: Er kam mit Sicherheit aus einem Glashaus

So lassen wir denn lieber den bösen Herrn Starcev nochmal tanzen, jetza sogar zu einem Neotango:



P.S. Die Kommentare wurden, so gut es ging, in lesbares Deutsch verwandelt.