Donnerstag, 14. Dezember 2017

Schach auf kleinem Karo



„Sie sind so kleinkariert – auf Pepita kann man nicht Schach spielen.“
(Dr. Otto Graf Lambsdorff, Deutscher Bundestag, 16.2.95)

Eigentlich suchte ich in meinen alten „Tangodanza“-Ausgaben einen anderen Artikel (den ich kurz darauf auch fand), als mir ein ziemlich ausführlicher Leserbrief unter dem Titel „Schach statt Tango?“ ins Auge fiel.

Wortreich beklagt sich dort eine Tänzerin (namens „Friederike“), die wohl über ein Jahr in Frankreich Tango gelernt hatte, über die Zustände auf deutschen Practicas und Milongas:

Zum einen scheine es hierzulande „ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, Tango ohne festen (Lebens-)Partner zu erlernen“. Ganze zwei Tangoschulen im schwäbischen Raum hätten sich zwar theoretisch bereit erklärt, nach einem „Gastherrn“ Ausschau zu halten – geworden sei daraus aber nichts. In Paris dagegen gebe es gar keine feste Paarbindung in den Kursen, man wechsle dann eben durch.

In Deutschland jedoch sei es eher so, dass nur mit dem festen Partner geübt werde – und wenn sich schon mal ein Herr zu einem „Fremdtanz“ herablasse, dann mit unentschlossener Führung und sehr unbeholfen. Überhaupt stehe man lieber an den Tischen herum und halte sich an seinem Glas fest.

Somit vermisse sie die „Milonga-Gemeinschaft“, in der alle Damen öfters zum Tanzen kämen und wo der Mann bestrebt sei, „der Frau einen angenehmen Tango zu bereiten“.

Sie schließt mit einem Satz, den die Zeitschrift als Titel-Anreißer verwendete: „Wenn ich immer nur mit einem Partner tanze, dann kann ich auch Schach spielen“.

Um Kommentare wurde gebeten – und tatsächlich erschienen in der nächsten Ausgabe drei:

Ein Tänzer namens „Bernd“ berichtet, er habe zwölf Jahre in Japan getanzt und nach seiner Rückkehr feststellen müssen: „Die Deutschen tanzen schlecht, verstehen den Tango nicht und können die Musik nicht umsetzen.“ Die Paare blieben viel zu lange zusammen, würden sich lieber unterhalten statt tanzen, und die Musikauswahl sei meist historisch.

Auf den Homepages der Tanzschulen würde zwar viel über die Vermittlung von Basistechniken geschrieben, in Wahrheit verkaufe man lieber Schritte. Tango erfordere aber „eine mühevolle körperliche Umstellung sowie die Bereitschaft, sich zu quälen“. Ein bisserle japanisches Leistungsdenken klingt da schon durch!

Im fernöstlichen Kaiserreich gebe es für Paare fast nur Privatstunden, es werde viel mehr gewechselt, die Lehrer würden auch mit ihren Gästen tanzen, Cliquen seien kaum auszumachen. Hierzulande dagegen herrsche „eine gewisse Erstarrung, die der Tango und wir nicht verdient haben“. Man solle lieber erstmal zu „Milonga triste“ oder „Mi noche triste“ tanzen…

Die „Mentalität der Unbeweglichkeit“ beklagt auch ein Tanguero, der sich „Michael“ nennt: „Motto: Wenn ich mich erst einmal irgendwo eingerichtet habe, dann darf sich nichts mehr verändern.“ So schön es sei, dass der Tango auch Kleinstädte erobere: „Aber dass dann dort Leute unterrichten, die erkennbar inkompetent sind und – etwa deshalb? – eine Wagenburgmentalität reiten und Fremde ausschließen, das darf einfach nicht sein.“

Am interessantesten ist für mich der Beitrag einer Tanguera („Susanne“): Viel hänge von der Einstellung der Tangoveranstalter ab. Seien sie zugewandt, freundlich und begeistert, so färbe das auf die Gäste ab. Kommunikationsprobleme entstünden auch dadurch, dass hierzulande der Blickkontakt nicht gepflegt würde.

In diesem Zusammenhang plädiert die Schreiberin für optische Reize: „Wir Frauen wollten und wollen um unserer selbst willen gesehen und gewertschätzt werden. Kleidung, Haltung und auch Schuhe sollten da keine Rolle spielen. Das funktioniert aber auf einer Milonga nicht. (…) Man kann jetzt natürlich sagen ‚Sex sells‘. Die stammesgeschichtliche Entwicklung können wir nicht ändern. So ist es eben.“

Zur weiteren optischen Aufrüstung habe ihr Tangolehrer eine aufrechte, offene Haltung nicht nur beim Tanz, sondern schon beim Betreten der Milonga angeraten. Motto: „Mit mir zu tanzen ist für dich der Himmel auf Erden.“ Und siehe da – schon am nächsten Abend sei sie ständig aufgefordert worden!

Obwohl ich mir sicherlich nicht alle dieser Aussagen zu eigen machen möchte, bleibt doch festzustellen: Den Verhältnissen im deutschen Tango wird nicht gerade ein gutes Zeugnis ausgestellt – schlechter Unterricht trotz vollmundiger Versprechungen, soziale Ausgrenzung, öde Beschallung, zementierte Paarbindungen, zögerliches Aufforderungsverhalten, Wagenburg-Mentalität. Und, noch tragischer: Die Texte stammen aus dem Jahr 2012 – die Chance, heute noch Schlimmeres zu erleben, dürfte hoch sein.

Sicherlich tragen Veranstalter und Tangolehrer eine hohe Verantwortung: Wer sich nur hinter der Kasse verschanzt oder einen „Vormachen-Nachmachen-Unterricht“ hält bzw. noch den Satz „der Mann führt“ außerhalb einer Comedy-Show verwendet, hat überhaupt nichts kapiert. Und auch der Spruch Anmeldung nur paarweise" gehört in die Mottenkiste!

„Ist Tango in Deutschland ein Gesellschaftstanz wie alle anderen auch?“, fragt die Leserbriefschreiberin im ersten Artikel. Ja, bestenfalls! Und wenn ich heute eine Tanzveranstaltung (ob Faschingsball oder Milonga) besuche, ist mein erster Gedanke beim Blick aufs Parkett fast stets: „Ach, du Scheiße…“

Dennoch fällt mir an den ganzen Beiträgen etwas Wichtigeres auf: Vielleicht habe ich ja nicht genau genug gesucht, aber das Wort „Spaß“ habe ich nirgends entdeckt. Meine Absichten beim Tango sind stets darauf gerichtet: entweder auf der Tanzfläche oder, wenn es halt aus irgendwelchen Gründen kaum geht, beim Zuschauen. Man bedenke: Die Eintrittskarte für einen Kabarett-Abend kostet ein Mehrfaches von der einer Milonga. Und nicht immer schafft es der Künstler, die schrägen Typen so authentisch darzustellen wie die im Tango sich selbst…

Und über eines schweigt sich „Friederike“ völlig aus: ihre eigenen Bemühungen – beim Finden eines Tanzpartners, der Entwicklung ihrer tänzerischen Fähigkeiten, beim Versuch, auf andere Gäste zuzugehen, sie in ein freundliches Gespräch zu verwickeln, ja gar, sie einmal aufzufordern – im Extremfall sogar eine Frau, weil man auch ein bisschen führen kann. Nein, das alles hat ihr der Tango gefälligst zu liefern. Tut er aber nicht – ätsch! Und nein, die Hauptaufgabe eines Tänzers ist nicht, „der Frau einen angenehmen Tango zu bereiten“. Das gilt entweder wechselseitig oder gar nicht so will es doch die Gleichberechtigung, oder?

Sicherlich stünde manchen Männern das kleine Karo der Kochhose besser als die gestreiften Beinkleider des Milonguero. Die entsprechende Einstellung mancher Frauen macht das Kraut aber auch nicht fetter. Mit Vergnügen erinnere ich mich an die verbale Aufforderung einer älteren, sehr resoluten Dame auf einer Milonga, die einst Theresa Faus noch cabeceofrei veranstaltete: Natürlich nahm ich die Tanzeinladung an, was die Tanguera nicht an dem Spruch hinderte: „Da zahlt man sechs Euro, und dann sind noch nicht mal genug Männer da.“ Ich unterdrückte damals heldenhaft die Replik: „Mit Männern kostet es zehn Euro“…

Und, ob König oder Dame: Schach macht auch erst so richtig Spaß, wenn man es gut kann! Man darf es ebenfalls mit wechselnden Partnern spielen.

Da halte ich es doch eher mit der Kommentatorin „Susanne“: „Einige Punkte kann also ich als Frau beeinflussen. Dass auch Männer eine andere Haltung brauchen, zum Teil auch andere Kleidung, ist ein anderes Thema.“

Quellen:
Tangodanza Nr. 1/2012, S. 20 und Nr. 2/2012 S. 80-81

Montag, 11. Dezember 2017

Karin Norgard: Warum Führen nicht schwieriger ist als Folgen



Wieder einmal habe ich ein sehr interessantes, englischsprachiges Blog entdeckt, welches – wohl vor allem wegen der Sprachbarriere – hierzulande kaum bekannt sein dürfte. Es enthält eine Reihe hochinteressanter Beiträge der Trainerin, Tänzerin und Autorin Karin Norgard.

Im folgenden Text beschäftigt sie sich mit der Aussage, das Erlernen der Führung sei in improvisierten Paartänzen wie dem Tango weit schwieriger als das des Folgens – eine Ansicht, die auch bei uns weit verbreitet ist – vor allem durch Männer, die sich ja gerne in der „Heldenrolle“ gefallen.

Dieser falsche Glaube, so die Schreiberin, verzerre die wahre Natur des Führens und Folgens und erzeuge negative Auswirkungen in unseren Tanzpartnerschaften und Szenen.

Der Artikel trägt daher den Titel:
„Warum Führen nicht schwieriger ist als Folgen – und wie man das wahr macht“

Die „großen Vier“ des Paartanzes sind nach der Autorin „Vokabular, Musikalität, Improvisation und Navigation“. Leider würden diese Fähigkeiten oft nur aus der Sicht der Führenden betrachtet.

Von diesen werde zwar mehr Initiative erwartet, aber es gebe drei Bereiche, in welchen für Folgende mehr zu tun sei.

„Folgende müssen mehr Vokabular beherrschen.“

Klar, sie müssen ja mit der „Sprache“ jedes Führenden zurechtkommen – diese aber können sich auf die Choreografie beschränken, welche sie beherrschen.

„Folgende haben mehr Bewegungs-, Balance- und Timing-Anforderungen.“

Folgende müssen in den Paartänzen mehr Drehungen und andere anspruchsvolle Elemente hinbekommen – und zwar in Umsetzung der Ideen des Führenden und nicht ihrer eigenen.
„Ginger Rogers machte alles, was Fred Astaire tat, aber rückwärts und in High Heels.“

„Folgende müssen mehr Fähigkeiten der Einschränkung und Interpretation entwickeln.“

Von ihnen werde die schwierige Balance erwartet, sich einerseits aktiv zu bewegen, andererseits jedoch (wegen der Führung) auf viele eigene Aktionen, Ideen und Vorlieben zu verzichten. „Denke nicht“ bedeute für Tänzerinnen ein hohes Maß an Zuhören und die Fähigkeit, die Ideen eines anderen zu interpretieren.

Tatsächlich gebe es für Führende anfangs eine „steilere Lernkurve“. Daraus dürfe aber nicht geschlossen werden, dass dieser Part „von Natur aus schwieriger“ sei. Drei verborgene Faktoren ließen es lediglich so aussehen:

„Männer haben im Durchschnitt weniger Tanzerfahrung und sind unsicherer.“

„Der Hauptgrund, warum die Lernkurve bei Führenden steiler ist, liegt nicht darin, dass Führen von vornherein schwieriger ist, sondern weil es hauptsächlich Männer sind, die führen.“

Die Herren belaste ein kulturelles Gepäck, wonach expressive Bewegungen im Namen der „Männlichkeit“ entmutigt, lächerlich gemacht, ja verboten würden. So häuften sich im Laufe des Lebens physische sowie emotionale Rückschläge.

„Wir haben eine kulturelle Einstellung, dass Führen wichtiger, komplizierter und schwieriger ist.“

„Führen“ werde in unserer Kultur als wertvoll betrachtet, „Folgen“ dagegen als schwach und unattraktiv. Der Fokus in Kursen richte sich auf die Führenden, während Folgende in die passive Rolle, ja gar „Faulheit“ gedrängt würden.

„In den Kursen fordern wir die Führenden zur Entwicklung ihrer primären Fähigkeiten heraus, nicht die Folgenden.“

Der Tanzunterricht sei zu stark auf die Führenden zugeschnitten: „Da die Folgenden in den drei oben genannten Kompetenzbereichen nicht herausgefordert werden, scheinen sie im Kurs weitaus erfolgreicher zu sein, als sie tatsächlich in der realen Welt des sozialen Tanzes sind, was die Missverständnisse verstärkt, dass Folgen einfacher als Führen ist.“

„Und das Ergebnis?“

„Wegen dieser drei Dinge scheint nicht nur das Führen schwieriger zu sein, es wird auch schwieriger. Unsere Denkweise schafft die Realität, die wir jeden Tag in unseren Kursen und Szenen sehen:“

Anfänger würden als Führende überbelastet und gestresst, während man Folgende unterfordere. Das führe oft dazu, dass Frauen ihr Tanzen nicht über einen bestimmten Standard hinaus entwickelten. Allenfalls lernten einige zusätzlich das Führen – der umgekehrte Fall sei bei Männern sehr selten. Dennoch würden männlichen Lehrern mehr Fähigkeiten zugetraut, obwohl sie die folgende Rolle meist weniger beherrschten als Lehrerinnen die führende.

„Wie man es verwirklicht: Im Unterricht eine Balance der Rollen schaffen!“

Dazu macht die Autorin sechs Vorschläge:

„Das Feedback für beide Rollen ausgleichen“

Sie zitiert hierzu den Lindy Hop-Lehrer Nathan Bugh:
„Wenn es darum geht, Lead/Follow-Skills zu erlernen und zu lehren, hat die Technik der Folgenden eine viel höhere Priorität als die der Führenden. Erstere (…) sind die Elemente, aus denen ihre eigenen Fähigkeiten und die des Führenden hervorgehen. Das Folgen ist der Beginn der Logik im Tanz. Im Unterricht befähigen die Folgenden die Führenden zum Lernen. (…) Folgende sind der Fokus des Lead/Follow-Prozesses, und sie müssen folgen, bevor die Führenden führen können.

„Schaffe eine Balance der Verben für beide Rollen!“

„Mit anderen Worten, betonen Sie den führenden Aspekt des Folgens und den folgenden Aspekt des Führens. Wenn ich meine Sprache auf diese Weise ausbalanciere, bemerke ich eine viel größere Verbindung zwischen den Partnern.“

Beispielsweise trainiere die Autorin Führende häufig mit der Anweisung, sie sollten dem Partner „in einen Schritt folgen“.

„Vermeiden Sie es, unveränderliche Schrittmuster zu lehren, die Folgende nicht herausfordern.

„Das Unterrichten einfacher und überschaubarer Variationen einer Bewegung oder ihrer zeitlichen oder räumlichen Parameter ist für Folgende wichtig, um Fähigkeiten der Einschränkung und Interpretation zu entwickeln, anstatt zu antizipieren. Es ist auch eine effektivere Methode, Führenden beizubringen, wirklich zu führen.“

So nehme man den Männern den Druck und aktiviere die Frauen zu mehr Eigeninitiative.

„Verwenden Sie Übungen, bei denen die Folgenden Timing oder Bewegung bestimmen.“

Sie erwähnt hierzu ein Beispiel, die sie bei Homer und Cristina Ladas gesehen hatte: Die Folgenden sollten als „Fehler“ ein nicht geführtes Kreuz tanzen:

„Als ich anfing, diese einfache Übung zu benutzen, bevor ich das volle Kreuz als geführte und verfolgte Bewegung lehrte, bemerkte ich, dass das Kreuz sowohl von Führenden als auch von Folgenden schneller und effektiver gelernt wurde. Die Führenden hörten ihren Partnern zu und führten das Kreuz eher organisch als mechanisch.

„Vorsicht bei den üblichen Aussagen über Macht und Verantwortung!“

„Der Führende hat immer Schuld“ beispielsweise bedeute, dieser habe stets die Kontrolle und der Geführte weder Macht noch Verantwortung.

Statt „denke nicht, folge nur“ könne man ebenso berechtigt sagen „führe nur, denke nicht“.

„Führende sind verantwortlich für die Navigation“ ignoriere, dass der Partner sehr wohl viel dazu beitragen könne.

Insgesamt sei es besser, sich auf spezielle Fähigkeiten zu konzentrieren als pauschale Rollen-Aussagen zu zementieren.

„Erwarten Sie mehr Fähigkeiten im Folgen von einem führenden Lehrer!“

Tanzlehrer, die führen, aber wenig Ahnung von der folgenden Rolle haben, würden völlig akzeptiert, Lehrerinnen, die folgen, aber auch gut führen könnten, hingegen eher unterbewertet. Diese „Doppelmoral“, so Karin Norgard abschließend, gelte es zu überdenken.

Mir hat dieser Text sehr viele neue Erkenntnisse gebracht und mich auch in meiner Auffassung bestärkt, was eine Hauptursache tänzerischen Elends darstellt: Solange in den Gehirnen von Anfängern ab der ersten Stunde die Gleichung „Führen = Dominieren“ und „Folgen = Gehorchen“ festgedübelt wird, kann es nicht viel mit dem Tango werden. Das einzige Gleichmäßige in beiden Rollen ist dann die Verkrampfung.

Ich habe schon viele Männer erlebt, die unterirdisch führen – jedoch kaum Frauen. Warum? Weil diese begabter sind? Ich meine eher, weil auf einer Tanguera, die führt, weniger Druck lastet. Niemand erwartet eine besondere Souveränität in ihrer neuen Rolle. Und den Damen liegt es eh nicht, irgendwelche Figuren „durchzudrücken“ – das entsprechende maskuline „Bullshit-Bingo“ können sie auslassen.

Vielleicht sollte man – anstatt des nächsten argentinischen Duos aus einem sehr wichtigen Mann und einer devot folgenden, stummen Partnerin – einmal Karin Norgard zu Kursen nach Deutschland einladen. Aber bitte nicht zu einer Tangolehrer-Fortbildung, das hat sie nicht verdient…  

Zur Person: Karin Norgard war als Autorin und Tanzlehrerin in Anchorage (Alaska) tätig und lebt nun in Portland (Oregon), wo sie auch Tango unterrichtet. Ihr erster Tanz war Salsa, heute beschäftigt sie sich vorwiegend mit Tango argentino und lernt West Coast Swing. Sie hat Erfahrungen mit einer Reihe weiterer Tänze und unterrichtete in der Latein-Sektion.

An der Universität von Anchorage erwarb sie den Bachelor-Grad in Spanisch und Russisch und arbeitete zehn Jahre lang als Trainerin im sportlichen Bereich. Ende 2007 begann sie mit der Herausgabe eines Newsletters für ihre Schüler, der dann in ihr Blog „Joy in Motion“ mündete. Wichtig sind ihr Konzepte, die „Geist und
Bewegung vereinen“ – so der Untertitel ihrer Seite.

Hier der Originaltext:
http://joymotiondance.com/balancing-lead-follow/

Freitag, 8. Dezember 2017

„Was Sie schon immer über Tango wissen wollten…“



Das Zitat aus dem Untertitel meines ersten Tangobuches benennt nun seit genau einem Jahr eine geschlossene Gruppe bei Facebook. Für dieses Forums Unkundige: „Geschlossen“ bedeutet, dass man die dortigen Veröffentlichungen erst sehen, darüber diskutieren oder eigene Beiträge einstellen kann, wenn man Mitglied ist. Man muss sich darum bewerben, und die Administratoren entscheiden darüber – ebenso über ein Ende der Teilnahme bzw. die Löschung einzelner Posts.

Der Entschluss von Manuela Bößel und mir kam ziemlich spontan zustande, als wir wieder einmal darüber sprachen, dass Tangoanfängern heute meist eine sehr eingeschränkte Ansicht unseres Tanzes vermittelt wird: ausschließlich historische Musikaufnahmen, Aufforderungs- und Parkettbenutzungsregeln, die Mär von „Führen und Folgen“ – kurzum ein ziemlich konservatives Bild des Tango.

„Wer von denen weiß denn noch, wie früher Tango getanzt wurde und wieviel Spaß das machen konnte?“ – so ungefähr waren am 8.12.16 meine Worte, worauf meine Kollegin antwortete: „Dann machen wir halt eine Facebook-Gruppe auf und erklären es Ihnen!“

Am selben Nachmittag entstand die Gruppenbeschreibung. Sicher würden wir heute manches anders formulieren (was wir auch vorhaben), aber der Kern trifft unser Anliegen nach wie vor:

 „Was Sie schon immer über Tango wissen wollten...“ richtet sich an Menschen, die allgemeine Fragen zum Tango argentino haben oder entsprechende Probleme diskutieren wollen.

Gerade Anfänger trauen sich das oft nicht oder meinen, mit ihren Schwierigkeiten allein zu sein. Vielleicht fällt es ihnen leichter, sich in einer geschlossenen Gruppe zu äußern!

Wir tanzen beide bereits seit 17 Jahren Tango, haben dazu Bücher herausgebracht und schreiben viel gelesene Blogs zu diesem Thema. Daher hoffen wir, Euch behilflich sein zu können!

 Also, keine Angst, sich hier anzumelden – es kostet nichts und tut bestimmt nicht weh...

Sorry, diese Gruppe ist nichts für Spezialisten, welche Wiedergabeprobleme knisternder Schellacks oder Tanda-Zusammenstellungen aus der EdO diskutieren wollen. Draußen bleiben muss auch Werbung für Tangoveranstaltungen, Schuh- oder Kleiderverkauf.

Wir bitten um einen angemessenen Umgangston – Spam- und Hasskommentare werden ohne Vorankündigung gelöscht!

 Herzlich willkommen!

Wie üblich war ich der Skeptische von uns beiden und wäre mit 20 oder 30 Mitgliedern schon zufrieden gewesen – aktuell haben wir jedoch 332 Teilnehmer! Wer sich einmal durch die Beiträge des ersten Jahres scrollt (eine längere Beschäftigung), wird auf eine bunte Vielzahl von Tangothemen stoßen, die sicherlich nicht nur Anfängern wichtige Informationen und Sichtweisen präsentieren.

Was die Gruppe von unserer „Wohnzimmer-Milonga“ unterscheidet: Es gibt keine Höchstzahl von zirka 20 Teilnehmern. Das hat natürlich Folgen: Eine stark anwachsende Gemeinschaft lockt mit der Zeit unweigerlich auch Menschen an, die versuchen, dort Macht auszuüben – etwa, indem sie die Rolle des „übergeordneten Experten“ spielen oder über die geltenden Spielregeln Diskussionen anzetteln.

Mehrfach haben Manuela und ich uns gegen diese Entwicklung gestellt, welche aus unserer Sicht Anfänger abschreckt: Breitet sich ein „Wertungsrichter-Tonfall“ erst einmal aus, vermeiden es Neulinge, „dumme“ Fragen zu stellen. Ein weiterer Trend ist dann, vom Sachlichen ins Persönliche abzugleiten. Ich habe neulich dazu geschrieben:

„Gefährlich wird es stets, wenn man beginnt, den Kontrahenten einem ‚Lager‘ zuzuordnen. Irgendwann sammeln sich dann Unterstützerscharen um die beiden, und die Schlacht der Stereotypen beginnt. Wenn man dann schließlich zwischen den rauchenden Trümmern sitzt, ist stets das Hauptargument, man sei ‚missverstanden‘ worden.“

Letztlich ist dies der sicherste (und schon öfters erfolgreich praktizierte) Weg, ein soziales Forum kaputt zu kriegen. In Kürze überwiegen dann persönliche Attacken und die beliebten Debatten, wie und worüber denn zu diskutieren sei. In dieser Hinsicht agieren Manuela und ich völlig „undemokratisch“: Wir haben diese Gruppe mit bestimmten Zielsetzungen gegründet, über die wir nicht verhandeln werden. Wer diese teilt, ist herzlich willkommen – wer nicht, findet in den Hunderten von Tangogruppen und -foren sicherlich besser Passendes. Die „Meinungsvielfalt“ ist nicht gefährdet. Und nein – es ist keine menschliche Katastrophe, nicht in einer FB-Gruppe bleiben zu dürfen.

Daher haben wir auch nicht gezögert, nach entsprechenden Vorwarnungen bislang vier Teilnehmer auszuschließen – ein fünftes Mitglied ging freiwillig.

Zwei Beispiele: Als ein jemand in der Gruppe von „unfeinem Nachtreten“ sprach und ich dies monierte, erhielt ich als Antwort:
Ich habe versucht, mich höflich auszudrücken und meinen Eindruck bzw. die Wirkung als Außenstehende zu schildern. Wenn das nicht erwünscht ist, zweifle ich an der Sinnhaftigkeit dieser Veranstaltung und werde meine Schlüsse ziehen.
Die zogen wir dann ebenfalls und beendeten die Mitgliedschaft. Welchen Sinn macht es, in einer Gruppe zu sein, an deren „Sinnhaftigkeit“ man zweifelt?

Ein anderes Mitglied versuchte uns einen eher lockeren Moderationsstil anzudienen:  
„Ich erlebe ja nun auch in anderen FB-Gruppen Diskussionen, die durchaus erheblich kontroverser sind als hier. Da regeln sich die Teilnehmer prinzipiell alleine und bitten die Admins nur bei recht groben Verstößen gegen die Netzetikette oder die Gruppenregeln um Eingreifen.

Sorry, aber wir greifen lieber ein, „bevor es schlimm wird“, wie Manuela einmal schrieb. Was der Schreiber von „Netzetikette“ hält, bewies er übrigens bei seinem freiwilligen Abgang, nachdem ich einen Post von ihm moniert hatte:
Dann sollten Sie Ihr Verhältnis zu sich selber und Ihrem Verständnis von Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit und Kommunikationsfähigkeit überdenken. So, wie Sie diese Gruppe moderieren, zeigen Sie nichts als ein mangelhaftes Führungsverhalten. In der Privatwirtschaft hätte man Sie von einer Führungsrolle vermutlich schon lange entbunden.“

Manuela und ich sind wahrlich Freunde geschliffener Satire – jedoch beschränken wir die auf unsere Blogs. Die verlinken wir zwar öfters in der Gruppe, aber es ist ja keiner gezwungen, da draufzuklicken. Und auch dort halten wir uns mit harter, auf reale Personen bezogener Kritik äußerst zurück.

Amüsant fand ich auch verschiedene Warnungen, die Gruppe würde durch unseren strengen Moderationsstil weniger attraktiv: Der oben beschriebene „Krach“ ist nun eine Woche her. Seither herrscht wieder ein ausnahmslos sehr netter Umgangston – und wir erhielten in sieben Tagen 21 Neuanmeldungen (das Dreifache des Üblichen).

Unsere FB-Gruppe brachte mir also auch wertvolle Erkenntnisse zum sozialen Miteinander im Internet: Man kann Diskussionen sachlich halten und persönliche Attacken weitestgehend unterbinden. Allerdings hilft hierbei am besten eine „Null-Toleranz-Strategie“: Mit Leuten, deren Ego kaum durch die Tür passt, über „edle Selbstbeschränkung“ zu verhandeln, hilft rein gar nichts!

Manuela hat neulich unsere Anliegen sehr schön zusammengefasst:

Wir möchten VIELFALT vermitteln und zeigen, wie viel Lebenslust drin stecken kann und Respekt und Toleranz. Meinungen bilden, Geschmacksfragen klären (z.B. bezüglich des Stils), für sich zu einer Einschätzung kommen und Entscheidungen treffen und Ähnliches können die Leute hier selber. Sind ja alles Erwachsene.

Expertendiskussionen im Sinne von „Mein Tango ist fei öchtör als deiner“ können in anderen Gruppen geführt werden. Da ist zum Teil sogar Raum für Missionierungsaktionen. Für Tango-Satire nutzen Gerhard und ich unsere Blogs. Hier in dieser Gruppe halten wir uns bewusst zurück. Und nur zur Erinnerung: Satire geht immer nach oben, nie nach unten. Das Angebot für Gastbeiträge steht von seiner und meiner Seite.

Ebenso wenig zielführend in unserer Gruppe – deswegen verboten – sind herablassende Belehrungen mit und ohne Gemeinheiten, die Einteilung in „richtig“ bzw. „falsch“ (…) oder einfach das Thema als Schlitten benutzende, persönlich-zwistige Gockelkämpfe. (…)

In dieser Gruppe sind doch so viele, die sich als erfahrene Tango-Mentoren eignen! Früher hätte ich mir solche sehnlichst gewünscht, als ich mich als kleines Tangowürschtle auf die ersten Milongas wagte! Den Anfängern und Mentoren (und allen dazwischen) bieten wir diese Gruppe als Austauschforum mit dem Ziel „Hilfe zur Selbsthilfe“ in der ganzen Breite des Spektrums „Tangovielfalt“. Und alle – auch wir mit einem schon etwas längeren Tangoleben – haben etwas davon: nämlich Lernen. Und das mag der Tango. Meiner zumindest.

Meiner auch. Daher danke ich unseren Gruppenmitgliedern für wertvolle Informationen, eindrucksvolle Erfahrungsberichte und engagierte Diskussionen. Gerade unser Anliegen, Anfänger zu Fragen zu ermuntern, ist aber noch ausbaufähig. Wer mittun möchte, ist herzlich eingeladen:

https://www.facebook.com/groups/1820221924868470/