Mittwoch, 18. Oktober 2017

Nudging: Wir wissen, was gut für dich ist!



„Du willst es doch auch!“
(tangotypischer Überredungsversuch)

Für alle, denen es wie mir geht und die mit dem schönen Fremdwort nichts anzufangen wissen:

„Nudging“ (englisch „Anstupsen“) ist ein Begriff aus der Verhaltensökonomik, der von den US-amerikanischen Wissenschaftlern Richard H. Thaler und Cass Sunstein geprägt wurde. Die beiden Autoren verfassten das Buch „Nudge: Improving Decisions About Health, Wealth, and Happiness“ (deutsche Ausgabe: „Nudge – Wie man kluge Entscheidungen anstößt“). Heuer wurde Thaler der „Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften“ zugesprochen.

Basis ist die Erkenntnis, dass auch der wirtschaftlich handelnde Mensch („homo oeconomicus“) nicht von Vernunft gesteuert ist. Daher müsse er durch „Anstöße“ zu seinem Glück zwar nicht gezwungen, aber doch ein wenig hinmanipuliert werden.

Klar verhalten sich Menschen irrational: Beispielsweise rauchen sie, obwohl es ihrer Gesundheit schadet, essen zu viel und ungesund, legen zu wenig für ihre Altersvorsorge zurück – und Männer zielen zu oft am Pissbecken vorbei. Dagegen helfen Schockbilder auf Zigarettenschachteln, blickgünstig platziertes Obst in Kantinen, Warnampeln auf Lebensmittelverpackungen oder Standardabgaben für die Betriebsrente, welche gelten, solange man ihnen nicht ausdrücklich widerspricht. Noch schöner: Eine aufgemalte Fliege im Urinal regt zu größerer Treffsicherheit an – und da für Forscher Ekel kein Kriterium ist, hat man auch diese Materie schon statistisch ausgewertet und kam auf einen Rückgang der Bodenpisse von 80 Prozent.

Hauptsächliches Mittel für den Zwang zum Guten sind sogenannte „Defaults“ („Standards“). Grob gesagt versteht man darunter Voreinstellungen, welche gelten, solange man sich ihnen nicht ausdrücklich widersetzt: Klassiker ist beispielsweise die „Widerspruchslösung“ bei der Organspende (nur wer erklärt, alle seine Körperteile nach seinem Tod behalten zu wollen, bleibt von einer Transplantation verschont). Dadurch hat sich in Österreich die Zahl der Organspender (verglichen mit Deutschland) verdoppelt. (Ob sich hierbei ein Zusammenhang mit dem momentanen politischen Hirntod in unserem Nachbarland ergibt, ist allerdings nicht nachweisbar…)

Es wird also ein breiter Weg mit angenehmem Gefälle eröffnet – gegensätzliche Entscheidungen hingegen sind für den Verbraucher mit Mühe verbunden. Setzt man Kopiergeräte werksseitig auf doppelseitige Funktion, schränkt dies den Papierverbrauch ein – ebenso läuft das bei den vom Computer-Hersteller gewählten Bildschirmschoner-Voreinstellungen oder den gewünschten Versand- und Bezahloptionen von Online-Händlern.

Die Grundeinstellung solchen Tuns lässt sich mit dem Begriff „libertärer Paternalismus“ beschreiben: „Papi weiß schon, was gut für dich ist.“ Der Unmündige wird zwar nicht zu seinem Glück gezwungen, aber doch trickreich dazu verführt.

Wer es noch genauer wissen will:




Mir sind bei alldem etliche Parallelen zum Tango aufgefallen:

Ich habe einmal ein Event mit zwei Milongas hintereinander erlebt: zunächst Neotango, dann traditionell. Gäste, die bereits zum ersten Teil erschienen, mussten den Gesamteintritt bezahlen. Gingen sie vor Beginn der zweiten Veranstaltung, konnten sie diesen Teil des Geldes zurückverlangen: eine klare „Widerspruchslösung“!

Inzwischen hat es sich ja eingebürgert, dass Live-Musiker oft „für den Hut“ spielen. Zunehmend steht der jedoch nicht irgendwo herum, sondern wird (oft mit dem Wunsch, bitte nur Scheine zu geben) reihum den Besuchern unter die Nase gehalten: Wer wagt es da, wenig oder gar kein „freiwilliges“ Salär zu „spenden“ – auch wenn er Finanzprobleme hat oder die Musik unterirdisch fand?

Heute gilt ja der Aberglaube als bestätigte Tatsache, man lerne Tango am besten mit einem festen Tanzpartner – nicht wenige fangen gar nicht erst an oder hören bald wieder auf, wenn ihnen ein solcher fehlt. „Anmeldung nur paarweise“ – so lautet das entsprechende Nudging der Tangolehrer – und selbst wenn man Einzelanmeldungen akzeptiert, wird um Nachricht gebeten, dass man sich seitens der Schule um einen „Ersatzpartner“ kümmern solle – freilich ohne Garantie und mit dem Zwangsbekenntnis verbunden, man kriege das selber nicht hin. Dass der Paarzwang mitnichten den Tangotraditionen entspricht, habe ich hier bereits beschrieben:
Dennoch wird so getan, als seien solche Kurse nicht nur der beste, sondern praktisch der ausschließliche Weg zum Tango. Wer etwas anderes will, braucht viel Eigeninitiative.

Ähnlich die Umstände bei den berüchtigten Regeln vom Auffordern bis zur Parkettbenutzung: Wiederholt habe ich erlebt, wie Tangolehrer den gläubig guckenden Frischlingen erklärten, dies alles sei in diesem Tanz eben üblich – kein Wort davon, dass es hierzu unterschiedliche Auffassungen gibt und auch die Praxis auf den Milongas durchaus nicht einheitlich ist. Ebenso die Tanzhaltung: natürlich in geschlossener, enger Umarmung seit Anbeginn des Tango, wie denn sonst? Andere Stile (und Lehrer, welche diese noch unterrichten) findet der Neuling nur nach längerer, aktiver Suche.

Am ärgerlichsten ist der Zwang zum Erwünschten bei der Musikauswahl: Die meisten „traditionellen“ Milongas hüten sich davor, den Gästen zu erklären, dass man lediglich eine historisch begrenzte Auswahl von Aufnahmen bietet – man ist inzwischen sogar schon vorsichtig mit dem kontrovers diskutierten Begriff „EdO“. Stattdessen legt der DJ eben „seine schönsten Stücke“ auf oder bietet „bestens tanzbare“ Titel. Nur der Insider weiß dann, was ihm blüht…
Motto: Kümmert euch nicht um die Musik, das macht der Papi schon!
Nach meiner Kenntnis veröfffentlicht kein traditioneller DJ seine Playlisten – er wird wissen, warum.

In der Wissenschaft immerhin regt sich Widerspruch. Die „Welt“ befragte dazu den Volkswirtschaftsprofessor Hanno Beck, der sich kürzlich in einem Buch mit dem „Glücksbegriff“ beschäftigte (Hanno Beck, Aloys Prinz: „Glück – Was im Leben wirklich zählt“):   


DIE WELT: Was also macht uns glücklich?
Beck: Die Antwort ist leider einigermaßen ernüchternd. Denn das, was an Erkenntnissen wirklich eindeutig und gesichert ist, das ist recht banal: Zum Glücklichsein trägt bei, Freunde zu haben, gesund zu sein sowie über eine möglichst gute Bildung und damit idealerweise über ein gutes Einkommen zu verfügen. Bei allen anderen Dingen sind die Ergebnisse dagegen weit weniger eindeutig. Beispielsweise sind Verheiratete zwar im Schnitt glücklicher. Es deutet aber einiges darauf hin, dass in erster Linie jene heiraten, die ohnehin schon glücklicher sind. Und Kinder scheinen nur dann glücklicher zu machen, wenn sich Paare bewusst für sie entschieden haben. (…)

Sein Rat zum Glücklichsein:

„Umgeben Sie sich mit Freunden, leben Sie gesund, investieren Sie in Ihre Bildung. Kaufen Sie lieber Erlebnisse als Dinge, denn von Erlebnissen zehren Sie länger. Geben Sie Geld lieber für kleine Dinge aus als für große Würfe, dann können Sie sich häufiger eine Freude machen. Geben Sie Geld für andere aus, das erzeugt ebenfalls Glücksgefühle. Und vor allem: Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Aber letzten Endes gilt: Glück ist immer individuell, und es ist nicht die Aufgabe eines Ökonomen, den Menschen zu sagen, was sie glücklich macht.“

Was er natürlich vergessen hat:
Tanzen Sie Tango – möglichst in nudging-freien Gefilden!

Und das passende Bild im Pissoir kann man sich ja noch überlegen…

Quellen:


P.S. Herzlichen Dank an meine Kollegin Manuela Bößel, die mich auf dieses Thema gebracht hat!